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R-TYPE STANDARD SALOON “THE SILENT SPORTS CAR” Was eigentlich der Grund für die Berühmtheit des Bentley ist, wissen die Wenigsten, und es läßt sich auch nicht ohne weiteres sagen, wenn man ihn in aller Ruhe von außen betrachtet. Gewiss hat man den Einruck eines rein-rassigen konservativen Wagens, bei dem jedes Detail von liebevoller Durcharbeitung zeugt; doch fehlt ihm gänzlich der nach außen sichtbare Anspruch auf ein besonderes Maß von Leistung, Eleganz oder Fahrkomfort. Der Bentley ist geradezu ein Symbol englischen Understatements, gekennzeichnet durch die Gentleman-Devise: Mehr sein als scheinen. Um ihn konkreter zu umreißen, muß darauf hingewiesen werden, daß Rolls-Royce und Bentley eins sind, wobei der Bentley eigentlich nichts anderes als eine sportliche Ausführung des Rolls-Royce „Silver Wraith“ darstellt, die diesem fahrwerksmäßig bis auf einen kürzeren Radstand und die Verwendung von 2 Vergasern und etwas höherer Verdichtung völlig gleicht. Der geringe Chassis-Mehrpreis des Rolls-Royce dürfte vornehmlich in seiner berühmten, seit 50 Jahren nicht geänderten Kühlerform begründet sein. Die beiden Rolls-Royce-Typen „Silver Dawn“ und „Silver Wraith“ wie auch die beiden Bentley-Modelle „Sports Saloon“ und „Continental“ korrespondieren bis auf geringfügige Details völlig miteinander, sind praktisch also nur Variationen ein und desselben Chassis, dessen Herstellungs-prozeß heute wie je nach Rolls-Royce.Prinzipien vor sich geht. So zeigte auch der der MOTOR REVUE zur Verfügung gestellte Bentley Saloon, daß das beharrliche Festhalten um einmal als richtig erkannten Prinzip höchster Qualität zu Leistungen führt, die bis Heute noch nicht übertroffen worden sind. Bei Rolls-Royce und Bentley erhält man keinerlei Leistungsangaben, doch drei Jahre Garantie für Motor und Chassis ohne Rücksicht auf die Kilometerleistung des Wagens; allein diese Tatsache gibt einen bezeichnenden Hinweis auf das Produkt. Als eines der ganz wenigen unter den Autos der Weltproduktion verfügt der Bentley noch über freistehende Kotflügel, Trittbretter und nicht einbezogene Scheinwerfer, und die lange Motorhaube wird seitlich auf der Väter Weise geöffnet. Trotzdem hat man bei seiner Betrachtung niemals die Empfindung des Überholten, Unmodernen, Nichtmehr-Zeitgemäßen, sondern vielmehr die des klassischen Autos in seiner letzten Verfeinerung. Vollends verweht der Eindruck unzeitgemäßer Romantik, wenn man die Fahrleistungen des Bentley kennen lernt. Aber bevor wir uns ihnen zuwenden, sei zunächst einmal sein technischer Aufbau beschrieben.
Die Kraftübertragung erfolgt über das jetzt von Bentley und Rolls-Royce selbst hergestellte Hydromatic-Getriebe, mit dem die General Motors bereits 1940 auf den Markt kam und das im Cadillac, Oldsmobile und Pontiac ebenso eingebaut ist wie in verschiedenen Typen von Nash, Hudson und Kaiser-Frazer. Obwohl es vollautomatisch arbeitet, darf es nicht mit den stufenlosen Drehmomentwandlern wie Dynaflow, Powerglide, Ultramatic usw. verwechselt werden, sondern stellt vielmehr ein automatisch schaltendes und mit einer Flüssigkeitskupplung kombinierten Stufengetriebe mit 4 Gängen dar. Der Hauptvorteil des Bentley-Hydromatic scheint uns darin zu liegen, daß man bei allen Annehmlichkeiten des automatischen Drehmonentwandlers (völlig automatisches Schalten, Wegfall des Kupplungspedals) doch, wenn man will oder aus besonderen Gründen sollte, wie bei einem Normalgetriebe Einfluß auf den Schaltvorgang nehmen kann. Wie erwähnt, besitzt das Getriebe vier Vorwärtsgänge. Normalerweise läßt man den Wählhebel an der Lenksäule im vierten Gang stehen bzw. stellt ihn, wenn man von Halt aus anfahren will, auf den vierten. Solange der Motor im Leerlauf läuft, ereignet sich gar nichts; die Flüssigkeitskupplung überträgt bei dieser Drehzahl noch kein Drehmoment: es wird durch den Schlupf eliminiert. Gibt man nun langsam Gas, dann beginnt die Turbine Kraft zu übertragen, und der Wagen kommt beinahe unmerklich sanft im ersten Gang in Bewegung. Bei allmählichem Beschleunigen schaltet sich bei 10 Km/st der zweite, bei 18 km/st der dritte, und bei 32 km/st der vierte Gang ein, ohne das ein daß ein durchschnittlicher Fahrer sich dieser Vorgänge überhaupt bewußt wird. Beim Gaswegnehmen tritt automatisch das Gleiche in umgekehrter Reihenfolge ein, nur daß die Schaltungen bei etwas niedrigeren Geschwindigkeiten erfolgen. Bei alldem steht der Wählhebel unverändert auf dem vierten Gang und bleibt da auch, wenn man hält.
Wenn man nun den Wählhebel auf die Stellung des dritten Ganges legt, so passiert so lange nichts, wie man sich bei einem Tempo von mehr als 105 km/st befindet. Unterschreitet man dies jedoch, so schaltet sich automatisch der dritte Gang ein und bleibt auch eingeschaltet, wenn man mit wenig Gas auf 60 oder 80 km/st herumhoppelt. Diese Beeinflussungsmöglichkeit des Getriebes ist für den Fahrer außergewöhnlich nützlich, wenn er im bergigen Gelände oder aber sehr sportlich fährt. Auch den zweiten Gang kann man bei jedem Tempo vorwählen, den Wahlhebel also bei 150 km/st auf seine Position bringen, etwa, wenn man ihn zum zusätzlichen Bremsen benutzen will. solange das Tempo nicht auf 80 km/st reduziert ist, bleibt automatisch der vierte bzw. dritte Gang als Fahrgang eingeschaltet, um ein Überdrehen des Motors zu verweiden. Hier, in der Wählhebelstellung im zweiten Gang, scheint das Hydramatic nicht ganz foolproof, denn indem es Aufwärtsschaltungen über den zweiten Gang hinaus verhindert, laßt es zu, daß der Motor bei starkem anhaltenden Gasgeben überdreht wird. Alles in allem scheint uns das Hydramatic-Getriebe von allen „Matics“ das für europäische Bedürfnisse am meisten entsprechende zu sein. Da Bentleys 3-Jahres-Garantie sich natürlich auch aufs Getriebe erstreckt, kann man mit Sicherheit annehmen, daß es so selbstverständlich und wartungslos arbeitet wie eine Ölpumpe. Mit der Darstellung der Wirkungsweise des automatischen Getriebes ist auch schon das Verhalten des Bentley im Großstadtverkehr beschrieben. Es gibt kein Schalten und kein Kuppeln mehr, und trotzdem ist die optimale Beschleunigung vorhanden, entweder indem man scharf aufs Gas tritt oder den Wählhebel von vornherein auf den dritten Gang legt. Soweit die für den Deutschen etwas schwierige Aduption an den Londoner Linksverkehr solche Experimente zuließ, versuchten wir mit den Möglichkeiten dieses Getriebes auf pariserisch zu fahren, und nicht nur die mißbilligenden Blicke der notorisch schleichenden Londoner Taxenfahrer zeigten, wie gut das damit geht. In diesem Zusammengang müssen die geradezu phänomenalen Bentley-Bremsen gewürdigt werden, deren Wirksamkeit über alles Lob erhaben ist. Mit einer Gesamtbremsfläche von 1200 qcm ergeben sich bei leichtestem Druck durch die Servowirkung ein sofortiges progressives Ansprechen, wie wir es bei einem Wagen dieser Gewichtsklasse (1935 kg trocken, 2110 kg fahrfertig) bisher nicht kennen gelernt haben. Die Unterteilung in hydraulische Betätigung vorn (mit 2 Bremszylindern) und mechanischen hinten hat hiermit nichts zu tun, sondern ist nur eine Sichrheitsmaßnahme für den Fall des Ausfall eines Systems.
Leider ergab sich keine Möglichkeit, den Wagen auf Schlaglochstrecken zu erproben, eben so wenig, wie unser berüchtigtes Kopfpflaster in englischen Ortschaften anzutreffen war. Mag sein, daß die Federung dafür etwas hart ist; festzustellen war es nicht. Da man am Lenkrad durch einen Hebelgriff die Stoßdämpfer weicher und härter regulieren kann, dürfte diese Möglichkeit für die meisten in Frage kommenden Fälle völlig ausreichen. Wenn wir uns jetzt vom technischen ab und dem reinen Fahrkomfort zu wenden wollen so fällt es schwer, angesichts dieses bis in die letzten Einzelheiten durchdachten Wagens ganz nüchtern zu berichten. Das, was Bentley einen Sports Saloon nennt, ist eine bequeme vier- bis fünfsitzige (und viertürige) Limousine mit zwei Notsitzen. Alle Sitze sind ledergepolstert, das Interieur ist aufs sorgfälltigste ausgeführt und zeugt von hervorragender und teurer Arbeit. Radio und elektrisch ausstellbare Antenne sind ebenso serienmäßig wie Schiebedach, zwei Nebel- und ein großer Kurven-Scheinwerfer, außer den Hauptscheinwerfern und separaten Begrenzungslampen, Heiß- und Kaltluft-Ventilatoren, Zweistufen-Scheibenwischer, Scheibenwascher und elektrischer Rückfenster-Entfroster, ein unter dem Fahrersitz herausziehbarer Werkzeugkasten mit in Gummigebettetem Chromwerkzeug, elektrische Handlampe mit Strom von der Batterie, eingebaute Spiegel neben jedem Rücksitz usw. Die beiden hinter dem vorderen Nummernschild angebrachten Hörner sind wirklich wirksam - es ist im Gegensatz zu manchem anderen neueren Wagen der internationalen Sonderklasse. An dem Bentley ist nichts gespart, und deshalb auch nichts mehr nachträglich anzuschaffen.Das Edelholz-Armaturenbrett, mit seinen unzähligen Knöpfchen, Schaltern und Instrumenten, erscheint für kontinentalen Geschmack recht old fashioned. Doch es ist mit so viel Liebe zum sauberen Handwerklichen und so viel Sinn für vornehme Tradition ausgeführt, daß es in diesem Wagen wohl nicht anders aussehen kann. Erst mal mit der Rechtslenkung vertraut, führt man sich im Bentley sofort heimisch. Man gleitet mehr als man fährt, weder Lenken noch Bremsen oder gar Schalten erfordern Kraftaufwand, es geht alles leicht, geschmeidig und widerstandslos. Trotzdem aber - und das ist das Erstaunliche am „Silent Sports Car“ - hat man ein Vollblut in der Hand, das auf die geringsten Lenkausschläge und Drosselöffnungen blitzartig reagiert. Seiner Erscheinung (und seinem Preis) nach ist der Bentley ein distinguiertes, lautlos dahin rollendes Luxusfahrzeug für die oberen Zehntausend der Welt; um so mehr verblüffen seine nicht anders als sportlich auszusprechenden Eigenschaften beim Kurvenfahren und Beschleunigen. Ohne Mühe kann man in rasch gefahrenen Kurven das Heck zum Wegrutschen bringen, und ebenso mühelos behält man durch Gegensteuern und Gasgeben die leichte Kontrolle über den Wagen. Die Straßen- und Verkehrsverhältnisse in England im Verein mit unserer mangelnden Ortskenntnis und die Gewöhnung an den Linksverkehr verhinderten eigene korrekte Messungen. Wir glauben jedoch, diese ohne Vorbehalt von unseren britischen Kollegen von The MOTOR übernehmen zu können, die für den Hydramatic-Bentley folgende Werte ermittelten:
Beschleunigung aus dem Stand: von 0 auf 48 km/st 4 sec. von 0 auf 64 km/st 6,65 sec. von 0 auf 80 km/st 9,6 sec. von 0 auf 96 km/st 13,25 sec. von 0 auf 128 km/st 25,1 sec.
Beschleunigung während der Fahrt: von 16 auf 48 km/st 3 sec. von 48 auf 80 km/st 5,5 sec. von 96 auf 128 km/st 12,35 sec . Höchstgeschwindigkeit: 162,7 km/st
Kraftstoffverbrauch: bei 80 km/st 14,25 l/100 km bei 112 km/st 17,7 l/100 km bei 128 km/st. 19,7 l/100 km
Durchschnittsverbrauch über 900 km Strecke 18,1 l/100 km Bentley und Rolls-Royce sind Autos, die in New York, Haidarabad, Singapore, in Bangkok und Melbourne ebenso gefahren werden wie in England. Es sind die Wagen der großen Manager und der vom Reichtum sicher Umhüllten. Nicht überall, wo ein solcher Wagen zu Hause ist, gibt es auch werksbetreuten Kundendienst, zumal die Zahl der Bentleys und Rolls-Royce, gemessen etwa in USA-Prokuktionsziffern, verschwindend gering ist. Aber die Werke in Crewe haben vorgesorgt. Abgesehen davon, das die schon erwähnte dreijährige Garantie für jeden Wagen gewährt wird, der Crewe verlässt, ist das System der laufenden Inspektionen bei Bentley unbekannt. Nach 1500 km wird der neu Wagen noch einmal durchgesehen; dann aber vergeht ein Jahr, in vielen Fällen sind es auch zwei oder sogar drei, ehe die Besitzer eines Bentley wieder zum Service erscheinen. Und der Fabrik ist es recht so. Sie ist davon überzeugt, daß mit dem Rolls-Royce und dem identischen Bentley den besten Wagen der Welt baut. Technische Daten des Bentley Sports Saloon Motor: 6 Zylinder Viertakt in Reihe, Bohrung 92,1 Hub 114,3 mm, Hubraum 4566 ccm, Verdichtung: 5,75. Ventilsteuerung: Auslassventile stehend, Einlassventile hängend, 7 Kurbelwellenlager, Umlaufkühlung mit Ventilator, Wasserpumpe und Thermostat, 2 SU-Horizontal-Vergaser Kraftstoffförderung durch 2 elektrische Pumpen, 81 Liter Tank im Heck Kraftübertragung: Rolls-Royce-Hydromatic Drehmo-mentwandler mit 4 Vorwärts- und 1 Rückwärtsgang und Flüssigkeitskupplung. Gesamtübersetzung der Hinterachse: I. 14.23, II. 7.83, III. 5.40, IV. 3.73:1. Rückwärtsgang 16.04, I. Kardanwelle geteilt, Hypoid-Hinterachsantrieb. Fahrwerk: Kastenprofitrahmen mit Kreuztraversen. vorn Einzelradhaufhängung mit Dreieckslenkern und Schraubfedern, starre Hinterachse mit lederumschlossenen Halbelliptikfedern. Vorn und hinten hydraulische Schalldämpfer, die hinteren während der Fahrt verstellbar. Bremsen vorn hydraulisch, hinten mechanisch, Servowirkung vorn und hinten durch mechanischen Antrieb vom Getriebe Schneckenlenkung. Reifen 6,50 x 16. Elektrische Anlage: Lucas 12 Volt, 55 Ah-Batterie. Eindruck-Zentralschmierung Allgemeine Zahlenangaben: Radstand 3050 mm, Spurweite vorn 1442 mm, hinten 1490 mm, Drehkreis 12,95 m. Eigengewicht trocken 1935 kg, fahrfertig 2110 kg. Höchstgeschwindigkeit: 163 km/st. Preise: Chassis £2.340, Sports Saloon by Bentley £ 3.170, Four Door Saloon by H.J. Mulliner £ 4.260. Sämtliche im Text erwähnte Sonderausrüstung, wie Radio, automatische Antenne, Schiebedach, Heizung usw., im Preis eingeschlossen
Hersteller: Bentley Works Ltd., Crewe, England Text: H.U. Wieselmann, Motor-Revue Fahrt; Bilder. D.Höh |
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